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Staatsgewalt auf Abwegen

Es war Freitag, der letzte Schultag vor den lang ersehnten Herbstferien. Am Nachmittag gegen 16 Uhr nutzten die vier Freunde Johanna, Konstanze, genannt Koko, Marek und Lukas diesen schönen Spätsommertag, der sich mittlerweile dem Abend näherte, um ein fruchtiges Eis bei Luigi, dem italienischem Eisverkäufer, zu essen. Dieser verkaufte täglich mit seinem kleinen Wagen auf dem Rathausplatz gegenüber der U-Bahnstation „Rathaus“ sein selbstgemachtes Eis. Er machte mit Abstand das beste Eis von ganz Hamburg, es war einfach köstlich, da waren sich die Freunde einig. „Ich nehme eine Kugel Schokolade und…äh…eine Kugel Vanille“, sagte Koko. „Grazie, Grazie Seniora, viel Spaß mit die Eis“, antwortete Luigi fröhlich. Nachdem nun alle ihr Eis bestellt hatten, machten sich die Vier auf den Weg zu ihrem Hausboot. Dort wollten sie es sich gemütlich machen und gemeinsam ein paar DVDs anschauen. Sie schlenderten gerade gemütlich, ihr Eis schleckend, die Mönckebergstraße entlang, als plötzlich mitten in der Menschenmenge ein Schrei zu hören war. Es war der Schrei einer Frau. Erschrocken drehten sich die Freunde um und sahen sich gegenseitig verblüfft an. Nach einigen Sekunden lichtete sich das Menschengetümmel, das bereits um das Geschehen versammelt war, ein wenig. Nun konnten die Detektive sehen, dass in der Mitte eine Frau auf dem Boden lag, sie blutete aus der Nase und war zusammengekauert. Johanna rannte sofort zu ihr hin und nahm sie in die Arme. Die vielen schaulustigen Leute tuschelten leise und schauten Johanna völlig erstaunt an. Nun kamen auch die anderen Drei zu ihr geeilt, um zu helfen. Sie halfen der Frau aufzustehen und führten sie langsam vor den Blicken der Neugierigen weg. Marek holte sein neues Handy von der Marke Sony Ericsson aus der Hosentasche und rief Johannas Opa an. Opa Jost. Er wählte die Nummer und nach einigen Malen Klingeln ertönte eine Stimme: „Jost hier“ „Hallo Opa Jost, ich bin´s, Marek. Wir brauchen deine Hilfe“, erwiderte Marek. „Kein Problem, was ist denn los?“, darauf Opa Jost. „Komm bitte schnell in die Mönckebergstraße zu „Ditsch“, du weißt schon, der Pizzaladen. Hier ist eben eine Frau zusammengebrochen, sie hat geschrien, wir wissen zwar noch nicht warum, aber das werden wir schon noch herauskriegen, wenn du uns hier abholst und wir ins „Indigo“, das Restaurant von Johannas Eltern fahren“, erläuterte Marek. „Ich bin in ein paar Minuten bei euch. Wartet kurz Kinder“, sagte Opa Jost. Dann legte Marek auf. „Opa Jost kommt gleich Leute“, erklärte Marek den Anderen, als sie sich inzwischen zusammen mit der völlig verschreckten Frau auf eine Parkbank unter eine alte Eiche gesetzt hatten.

„Was ist denn mit ihnen passiert? Hat sie jemand überfallen oder was war dort los?“, fragte Lukas aufgeregt. Die Frau darauf: „Wo bin ich überhaupt? Und wer seid ihr?“ „Wir sind Johanna, Lukas, Koko und Marek, wir sind zufällig vorbeigekommen, als sie umfielen und schrien“, erzählte Koko. „Dankeschön. Dass ihr mir geholfen habt, die meisten Leute standen ja nur herum, so ein dreistes Pack! Aber um auf eure Frage zu antworten, ja ich bin überfallen worden. Ich kam gerade aus einem Geschäft und wollte meine Cola aus der Tasche holen, um etwas zu trinken, weil es ja heute so drückend und unerträglich warm ist, als mir plötzlich jemand mit einem harten Gegenstand eine überzog. Er riss mir meine Einkaufstüte und meine Handtasche aus der Hand und rannte weg, ich schrie so, weil ich mich so unglaublich erschrocken hatte und das Nasenbluten muss wohl von seinem Schlag kommen“, erzählte die Frau den vier Freunden aufgeregt. „Das ist ja heftig! Wer tut wohl so etwas? Und haben sie die Person gesehen, das könnte wichtig sein um sie zu finden. Aber nun erzählen sie doch erst einmal wer sie sind“, plapperte Johanna los. „Also, ich bin mir sicher, dass es ein Mann war, denn ich habe für einen kurzen Augenblick sein Gesicht und seine Hände gesehen…“, fing die Frau, deren Name Jaqueline Neumann war, an. Sie erzählte ihnen wer sie war, woher sie kam und vieles Andere. Die Freunde hörten aufmerksam zu, bis sie urplötzlich durch eine ihnen bekannte Stimme aufgeschreckt wurden. Es war Opa Jost, er war gekommen um sie alle abzuholen und ins „Indigo“ zu bringen. Gesagt, getan, zusammen fuhren sie mit Opa Jost´s altem Mercedes nach Eimsbüttel. Dort aßen sie einige Minuten später ausgiebig gemeinsam mit Johanna´s Eltern und sprachen über den Vorfall. Am Ende des Abends schrieben die Alster-Detektive Name und Anschrift von Jaqueline auf und verabschiedeten sich mit dem Versprechen, den Fall aufzuklären und den Rüpel zur Rechenschaft zu ziehen.

Am nächsten Tag in der Schule verabredeten sich die vier Alster-Detektive um 14 Uhr auf dem Hausboot. Dort angekommen besprachen sie genauestens ihr weiteres Vorgehen. Und sie hatten eine Idee. „Opa?! Wir brauchen deine Hilfe!“, rief Koko Opa Jost laut zu. Opa Jost, dem das alte Hausboot gehörte, polterte daraufhin die Treppe hinunter und sagte dann: „Ja meine Kinder, was ist denn euer Problem, dafür habe ich bestimmt eine Lösung.“ „Gewiss Opa, wir müssen unbedingt ins Rathaus kommen, dort wollen wir uns mit der Bürgerschaft treffen, denn diese haben doch die Möglichkeit eine kleine Anfrage zu machen, oder?“, fragte Koko nun sichtlich nervös. „Aber na klar können die das, aber warum sollte sie das tun was bringt euch das?“, fragte Opa Jost. „Mensch Opa“, fing Koko an, „das ist doch klar! Du hast doch gestern im „Indigo“ mitbekommen, dass der Mann, der die arme Jaqueline überfallen hat, einen kleinen, gelben Klebezettel verloren hat. Den hat Jaqueline gefunden und darauf stand: ´Treffen mit dem Innenausschuss der Hamburger Bürgerschaft. Besprechung des Themas Kriminalität und Vorbereitung für die Vollversammlung. Morgen um 16 Uhr im Hamburger Rathaus.` Tja und dort müssen wir hin, denn dann können wir die Abgeordneten dieser Besprechung befragen und vielleicht herausfinden, ob einer dieser Abgeordneten gestern eine Frau überfallen hat. Das wäre dann die kleine Anfrage, auf die man uns ehrlich antworten muss.“ „Nein Kinder, so geht das nicht, ihr könnt dort doch nicht einfach hineinplatzen und den Abgeordneten so eine absurde und völlig unpassende Frage stellen, das ist unmöglich und außerdem gehören Fragen dieser Art wohl eher ins Polizeipräsidium“, versuchte Opa Jost den Freunden beizubringen, „außerdem versteht man unter ´Kleiner Anfrage´ etwas anderes, dies ist die Möglichkeit der Abgeordneten, die Regierung durch Fragen zu kontrollieren, die diese beantworten müssen. So, nun habt ihr auch gleichzeitig etwas dazu gelernt.“

„Okay, du hast Recht. Aber vielleicht könntest du dafür sorgen, dass Jaqueline in diese Ausschusssitzung eingeschleust wird, vielleicht ist einer der Abgeordneten der Täter und sie erkennt ihn, weil sie ja gestern kurz sein Gesicht sehen konnte. Dann könnten wir den Typen nach der Sitzung abfangen und ihn mit unserem Verdacht konfrontieren. Das wäre doch möglich oder?“, schlug Lukas aufgeregt vor. „Aber natürlich, eine super Idee! Ich werde mich darum kümmern, dass Jaqueline dort teilnehmen darf. Sagt ihr bitte schon einmal Bescheid, dass sie dort aufkreuzen soll und erzählt ihr von unserem Plan“, stimmte Opa Jost glücklich zu.

Kurz vor Vier trafen sich alle gemeinsam vor dem Rathaus und besprachen noch einmal Alles genauestens. Dann machte sich Jaqueline auf dem Weg in den Saal, wo die Besprechung in ein paar Minuten beginnen sollte.

Nun war es bereits kurz vor sechs und die Detektive hatten sich, um die Wartezeit zu verkürzen, zusammen mit Opa Jost ein leckeres Eis bei Luigi gekauft. Sie sonnten sich ein wenig auf der Steintreppe vor dem Rathaus, als sie plötzlich Jaqueline aus dem Rathaus stürmen sahen, sie war aufgebracht: „Hey Leute, ich habe den Täter wiedererkannt. Es gibt keine Zweifel! Er wird gleich aus dem Gebäude herauskommen und dann können wir ihn zur Rede stellen.“ Sie standen auf und warteten gespannt darauf, dass sich die Tür des Rathauses öffnen würde und nach kurzer Wartezeit im Schatten des riesigen Gebäudes tat sie es auch und der Täter trat hinaus in das gleißende Sonnenlicht. Es war ein muskulöser, gut aussehender Mann. Er trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug und eine Krawatte mit leichtem Rotstich. Die Schweißperlen glänzten auf seiner Haut. Er trug passend zu seinen gräulichen Haaren, die er leicht zersaust mit Haargel gestylt hatte, eine schwarze Sonnenbrille von der Marke D&G. Auf diesen Mann vom Innenausschuss traten die Alster-Detektive zusammen mit Jaqueline, sowie mit Opa Jost zu. Er blieb abrupt stehen und blickte die sich vor ihm Versammelten verblüfft an: „Guten Tag, was kann ich für sie tun?“ Jaqueline antwortete sofort trotzig und wie aus der Pistole geschossen: „Sie…Sie Flegel! Sie haben mich gestern Nachmittag in der Mö kaltblütig überfallen und mich bestohlen.“ Nun wurde die Gruppe von vielen Leuten gespannt betrachtet. „Nein, da müssen sie mich wohl verwechseln gnädige Frau“, antwortete der Mann trocken, „ und außerdem…“ weg war er. Er war wie aus dem Nichts losgelaufen und versuchte zu fliehen. Die Detektive rannten ihm sofort hinterher, denn nun gab es keine Zweifel mehr, er war der Täter. Der Mann sprintete zur U-Bahn Station „Jungfernstieg“, wo er auf seinem Weg dorthin fast noch von einem LKW angefahren wurde. Die Detektive konnten ihm dicht auf den Fersen bleiben, sie waren hartnäckige Verfolger. Doch als der Mann in die U-Bahn sprang, während die Türen sich schon schlossen, verloren sie ihn. Er war jetzt auf dem Weg zum nächsten Bahnhof. Die Detektive blickten sich traurig an und wollten sich gerade bei Jaqueline für den Misserfolg entschuldigen, als sie bemerkten, dass sowohl Opa Jost als auch Jaqueline fehlten. Wo konnten sie nur sein, fragten sich die vier verbliebenen Verfolger, als auf einmal Mareks Sony Ericsson, auf das er so stolz war, weil es Musik abspielen konnte, klingelte. Rasch ging er ran: „Marek hier, mit wem spreche ich?“ „Hallo Marek, Opa Jost hier. Seid ihr unversehrt? Wir haben den Übeltäter, er ist am Gänsemarkt ausgestiegen und dort konnten wir ihn abfangen. Die Polizei ist schon auf dem Weg zu uns“, klärte Opa Jost die Unwissenden auf. „Das ist ja toll“, freute sich Marek, „holt ihr uns hier am Jungfernstieg ab? Dann können wir ins „Indigo“ fahren und ihr erzählt uns die ganze Geschichte von Anfang an, okay?“ „Klingt gut, bis gleich!“, erwiderte Opa Jost.

Abends im „Indigo“ erzählten Jaqueline und Opa Jost den Kindern und auch den Eltern der Juniordetektive bei leckerem Buffet, was geschehen war und wie sie den Dieb gefasst hatten: „Wir hatten die wunderbare Idee, dass wir uns aufteilen könnten, dann fuhren wir mit meinem Wagen zum „Gänsemarkt“, wo ich dann ausstieg und Jaqueline fuhr weiter bis zu den „Messehallen“. Wir warteten an den jeweiligen Stationen und wollten den Verbrecher abfangen, sobald er aussteigen würde. Nach wenigen Minuten trudelte auch schon die erste U-Bahn in den Bahnhof „Gänsemarkt“ ein. Ich hielt Ausschau nach dem Übeltäter und sehet da: Volltreffer! Der Abgeordnete stieg aus dem Zug aus. Er versuchte zwar möglichst unauffällig zu wirken aber ich erkannte ihn sofort, überwältigte ihn von hinten und hielt ihn in Schacht, bis die Polizei, die ich zuvor angerufen hatte, aufkreuzte und den Dieb festnahm“, erzählte Opa Jost den staunenden Zuhörern stolz. Vor dem Nachtisch, Vanilleeis mit Schokosoße, zeigten sich die Kinder dann noch darüber empört, dass ein Mitglied des Innenausschusses eine solche Tat begangen hatte, obwohl dieser eigentlich für die Sicherheit auf Hamburgs Straßen zuständig ist. Offen blieb außerdem, warum er diese Tat begangen hatte. Aber das war letztendlich egal.
Am Ende des Abends bekamen die Alster-Detektive sogar noch eine kleine Belohnung fĂĽr ihre tolle Arbeit von Jaqueline und der Tag fand schlieĂźlich ein gutes Ende.

Hamburgische BĂĽrgerschaft